Ingeborg Drewitz

Ingeborg Drewitz
Ingeborg Drewitz
(1923 - 1986)

"So leben und handeln, als trüge unsereiner die Welt"


Sie gehört zu den bedeutenden deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie bleibt seit ihrem Tod auch weiterhin unvergessen. Unsere Schule trägt seit 1987 ihren Namen.

Ihre Person, ihr Lebenslauf , ihre Werke

Romane von ihr werden neu aufgelegt, zwei hochrangige Preise in Deutschland sind nach ihr benannt (Humanistische Union, Gefangenenliteratur), eine Berliner Stadtbibliothek ist neben unserer Gesamtschule inzwischen mit ihrem Namen verbunden. Ganz erstaunlich intensiv war das Gedenken zu ihrem 10. Todestag in ihrer Heimatstadt Berlin. Im November 1996 fanden allein 12 Abendveranstaltungen statt, die von acht verschiedenen Organisationen durchgeführt wurden und die einen großen Freundeskreis aus ganz Deutschland zusammenführten. Der Senat von Berlin hat ihr nun offiziell einen Gedenkstein auf ihrer letzten Ruhestätte bewilligt und eine Plakette für auswärtige Besucher an ihrem Haus im Stadtteil Zehlendorf anbringen lassen.

Ihre große Wirkung auf die westdeutsche Gesellschaft hat vielfältige Aspekte. Zeitlebens war Ingeborg Drewitz eine Aufklärerin. Ihr literarisches Werk bezeugt dies, denn es bezieht die Nachkriegsgeschichte Deutschlands mit ein. Sie wollte eine kritische Bestandsaufnahme leisten, demokratische und humanistische Kräfte stärken, sie wollte vor Rückfällen warnen und Minderheiten in ihrem Eigenwert unterstützen.

Im wichtigsten Roman ,,Gestern war heute" (1978) werden z. B. drei Frauengenerationen des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt gestellt, im letzten Werk ,,Eingeschlossen" (1986) zwei gegensätzliche Männergestalten, ein Prometheus- wird einem Jesus-Typ gegenübergestellt. Über solche Romane wird heute im literaturwissenschaftlichen Bereich diskutiert, Forschungsarbeiten an Universitäten entstehen und für die Schule hat der Klett-Verlag mehrere Material- und Textbände herausgegeben. Hochinteressant auch ihre Essays zu Großstädten in der ganzen Welt - New York , Berlin oder Moskau z. B. hat sie auf ihre unnachahmliche Weise zu Städtebildern zusammengefasst, die ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihr Weltbürgertum verdeutlichen ("Schrittweise Erkundung der Welt", 1982).

Auch ihr kulturpolitisches Engagement passt zu den literarischen Intentionen.

* Unvergessen bleibt ihr aktives Eintreten für die Probleme und die finanzielle Lage der Schriftsteller. Ihre langjährige Arbeit beim PEN-Zentrum der BRD macht dies deutlich. Darüber hinaus setzte sie sich besonders für junge Kolleginnen ein. An ein Teach-in aus dem Jahre 1976 unter dem Titel ,,Schreib das auf, Frau!" können sich heute noch viele Autorinnen erinnern. Seitdem gibt es in Berlin auch einen Verein der ,,Literatur-Frauen".

* Unvergessen ihre gewerkschaftliche Orientierung. Sie führte mit dazu, dass sich der ,,Verband deutscher Schriftsteller" in der IG Medien organisiert hat.

* Unvergessen bleibt ihr unermüdliches Eintreten für Strafgefangene und einen vernünftigen Strafvollzug. Die Schule hat dazu ein eigenständiges Projekt für den Deutschunterricht im 12.Jahrgang entwickelt.

Das sind nur kleine Ausschnitte aus einem aufregenden Leben. Neben vielen Widerständen hat sie auch national und international viel Anerkennung gefunden. Die drei wichtigsten Ehrungen sind wohl das Bundesverdienstkreuz, verliehen durch Bundespräsident Gustav Heinemann (1973), die Ossietzky-Medaille der internationalen Liga für Menschenrechte (1980) und die Premio Minerva (1986) aus Italien.

Zu einer Gesamtschule passt dieser Name sehr gut. Er erfüllt die Bedingungen, die die Schule seinerzeit selbst aufgestellt hat: der Name soll Identifikation ermöglichen, er soll der Demokratie und dem Frieden verpflichtet sein. Ingeborg Drewitz passt also.

Sie hat sich immer für Chancengleichheit eingesetzt, sie hat sich um vernachlässigte Gruppen der Gesellschaft gekümmert, sie hat für Menschenrechte gekämpft und sie hat in ihrem Werk die Themen und die Konflikte des 20. Jahrhunderts verarbeitet.

Von daher lohnt es sich für Schüler/ Schülerinnen und Lehrer/Lehrerinnen allemal, sich im Unterricht mit ihr auseinanderzusetzen.

Ihre Person, ihr Lebenslauf, ihre Werke

  • 1923 10. Januar: Geburt von Ingeborg Neubert in Berlin
  • 1941 Abitur an der Königin-Luise-Schule, Berlin-Friedenau
  • 1945 20. April: Promotion an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin
  • 1946 25. Mai: Eheschließung mit Bernhard Drewitz, 3 Töchter: Dorit (1948), Jutta (1950), Maren (1958)
  • 1956 Frankreichreise (Stipendium Berliner Kultursenat)
  • 1961-64 Vorsitzende GEDOK (Kunstfreunde) Berlin
  • 1964 Mitglied des PEN-Zentrums der BRD (setzt sich z.B. für Peter Huchel und Reiner Kunze 1969 in Ostberlin ein)
  • 1965-86 Mitglied der Jury des Berliner DAAD, Sparte Literatur
  • 1965-68 Vorsitzende des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller
  • 1966 Präsidiumsmitglied im PEN der BRD
  • 1968 Vizepräsidentin des PEN-Zentrums
  • 1969-80 Mitbegründerin und stellvertretende Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS)
  • 1972 Leitung der 1. Delegation des VS in Moskau
  • 1973-74 Lehraufträge an der FU Berlin, Institut für Publizistik
  • 1973-80 Präsidiumsmitglied der Neuen Gesellschaft für Literatur, Berlin
  • 1975 Reise nach Portugal und Nordafrika
  • 1977 Lesereise durch Israel
  • 1980 Lesereise durch Skandinavien
  • 1982 Reise durch Indien
  • 1983 Lese- und Vortragsreise durch die USA
  • 1983 Lesereise durch England, Irland, Niederlande
  • 1984 2. Lesereise durch Skandinavien
  • 1985 Jury-Mitglied beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt
  • 1985 Lesereise durch Rumänien
  • 1986 Lesereise durch die Bundesrepublik
  • 1986 26. November: Ingeborg Drewitz stirbt an den Folgen eines Krebsleidens 
Ihre Person, ihr Lebenslauf, ihre Werke

Romane
Der Anstoß (1958, der 1. veröffentlichte Roman), Das Karussell (1962), Oktoberlicht (1969), Wer verteidigt Katrin Lambert? (1974), Das Hochhaus (1975), Gestern war Heute - Hundert Jahre Gegenwart (1978), Eis auf der Elbe (1982), Eingeschlossen (1986).

Erzählungen

Und hatte keinen Menschen (1955), Im Zeichen der Wölfe (1963), Eine fremde Braut (1968), Der eine, der andere (1976), Die Samtvorhänge (1978), Auch so ein Leben (1985).

Essays
Berliner Salons. Gesellschaft und Literatur zwischen Aufklärung und Industriezeitalter (1965), Wuppertal - Porträt einer Stadt (1973), Zeitverdichtung (1980), Kurz vor 1984 - am Ende der Utopien. Literatur und Politik (1981), Schrittweise Erkundung der Welt, 1982 (Stadtporträts aus 4 Kontinenten), Mein indisches Tagebuch (1983), Unter meiner Zeitlupe (1984), Hinterm Fenster die Stadt (1985).

Weitere Veröffentlichungen

Bettine von Arnim, eine Biographie (1969), Städte 1945- Bekenntnisse und Berichte, 1970 (Mitarbeit und Herausgabe), Die Literatur und ihre Medien, 1972 (Mitarbeit und Herausgabe), Hörspiele, 1977 (Sammelband), Mit Sätzen Mauern eindrücken. Briefwechsel mit einem Strafgefangenen (1978), Schatten und Kalk, Lyrik und Prosa aus dem Knast, 1978 (Herausgeberin), So wächst die Mauer zwischen Mensch und Mensch (1980), Die zerstörte Kontinuität. Exilliteratur und Literatur des Widerstands (1981), Lebenslehrzeit, 1985 (Autobiographie).

Zusammenfassung: Joachim Krause